Warum tauender Permafrost in Sibirien verborgene Kohlenstoffbomben in Seen freisetzt

Die Arktis erwärmt sich in einem beispiellosen Tempo

Tief unter der weitläufigen Tundra vollzieht sich eine stille, aber gewaltige Verwandlung. Boden, der seit Jahrtausenden dauerhaft gefroren war, beginnt langsam aufzutauen und öffnet damit uralte Kohlenstoffspeicher. Diese jahrtausendealten organischen Stoffe, lange im Eis eingeschlossen, werden nun in großem Maßstab in neu entstehende Gewässer freigesetzt. Klimaforscher schlagen Alarm, denn dieser unscheinbare Prozess könnte bald zu einem der mächtigsten verborgenen Treiber der globalen Erwärmung werden.

Die Temperaturen in den nördlichen Polarregionen steigen deutlich steiler an als im Rest der Welt. Aktuelle Messungen zeigen, dass die Erwärmung dort drei- bis viermal schneller verläuft als der weltweite Durchschnitt. Dieser dramatische Temperaturanstieg trifft vor allem den Permafrost – jene besondere Bodenschicht, die mindestens zwei aufeinanderfolgende Jahre gefroren bleibt, in vielen Regionen jedoch seit Jahrtausenden nicht mehr aufgetaut ist.

Dieser dauerhaft gefrorene Boden besteht nicht nur aus Gestein und festen Eiskristallen. Er ist buchstäblich vollgepackt mit einer enormen Menge gefrorener Pflanzenreste, verschlungener Wurzeln und weiteren biologischen Materialien. Man kann ihn sich wie einen gigantischen Gefrierschrank voller abgestorbener Natur vorstellen, der gewaltige Kohlenstoffvorräte konserviert. Sobald sich dieser natürliche Kühlschrank öffnet, kommt das biologische Material mit fließendem Wasser, frischer Luft und hungerigen Bakterien in Kontakt.

Das Tauen verursacht ein ständiges Absinken des Geländes. Es entstehen tiefe Mulden und Risse, die sich rasch mit Wasser füllen. Diese neu entstandenen Gewässer – fachsprachlich als Thermokarst-Seen bezeichnet – dehnen sich oft aggressiv in die umliegende Landschaft aus und verschlingen weitere einstürzende Permafrostblöcke.

Wegweisende Forschung im Herzen Sibiriens

Ein internationales Expertenteam hat sich kürzlich ins zentrale Jakutien in Ostsibirien aufgemacht. Die Wahl fiel auf ein Gebiet, wo die Permafrostschicht extrem mächtig ist und sich die Landschaftsveränderungen buchstäblich vor aller Augen vollziehen. Im Rahmen des spezialisierten Projekts PRISMARCTYC versuchten die Wissenschaftler präzise zu kartieren, wie viel Kohlenstoff aus dem tauenden Boden in die dortigen Seen entweicht und welches Schicksal er dabei nimmt.

Während der Feldarbeit verglichen die Forscher verschiedene Typen von Gewässern miteinander:

  • Junge Thermokarst-Seen, die sich vor weniger als fünfzig Jahren gebildet haben.
  • Uralte Seen, die bereits seit mehreren Jahrtausenden existieren.
  • Alte Seen mit frisch eingebrochenen Ufern, wo das Zurückweichen des Permafrosts jüngste Erdrutsche ausgelöst hat.

An all diesen Standorten entnahmen die Wissenschaftler Proben, um sowohl gelösten organischen Kohlenstoff als auch mikroskopisch kleine feste Partikel organischer Materie zu untersuchen. Mithilfe fortschrittlicher chemischer und isotopenbasierter Analysen konnten sie den genauen Ursprung des gefundenen Kohlenstoffs zurückverfolgen. Sie ermittelten, ob er aus dem prähistorischen Auftauboden stammt oder ob er direkt im Wasser entstanden ist – etwa durch die biologische Aktivität lokaler Algen.

Junge Seen zeigen extreme Kohlenstoffkonzentrationen

Die gewonnenen Daten lieferten schlechthin verblüffende Ergebnisse. In den jüngsten Seen und in jenen mit frisch abgebrochenen Ufern entdeckten die Forscher Konzentrationen von gelöstem organischem Kohlenstoff, die sich in Richtung Hunderte Milligramm pro Liter bewegten. Für natürliche Gewässer sind solche Werte absolut ungewöhnlich und außerordentlich hoch.

Aus den detaillierten Analysen ging hervor, dass bis zu drei Viertel dieses gelösten Kohlenstoffs direkt aus dem zerfallenden Permafrost stammen. Die molekulare Zusammensetzung und der Isotopenabdruck verraten eindeutig, dass Überreste von Pflanzen ins Wasser gelangen, die seit Hunderten bis Tausenden von Jahren im Eis lagen.

Bei den festen Partikeln zeigte sich hingegen eine völlig andere Geschichte. Die überwiegende Mehrheit der organischen Materie, die in der Wassersäule schwebt, entsteht lokal. Verschiedene Algenarten, Mikroben und andere Kleinorganismen synthetisieren diesen Kohlenstoff eigenständig mithilfe von Sonnenlicht und verfügbaren Nährstoffen im Wasser. Der Eintrag fester Partikel aus den erodierenden Ufern ist überraschend viel geringer als die interne Produktion des Seenökosystems selbst.

Nicht aller Kohlenstoff wird sofort zu Gas

Die Schlüsselfrage für Klimamodellierer klingt zunächst recht einfach: Wie viel dieses freigesetzten Kohlenstoffs wandelt sich in gefährliche Treibhausgase um? Gewöhnliche Wassermikroorganismen zersetzen organische Materie und produzieren dabei Kohlendioxid (CO₂) sowie Methan (CH₄). Vor allem Methan stellt ein enormes Risiko dar, weil es die Atmosphäre kurzfristig viel aggressiver aufheizt als CO₂.

Die neuen Felddaten bestätigen zwar, dass ein gewisser Anteil des gelösten Kohlenstoffs tatsächlich als Gas in die Atmosphäre entweicht und Seenoberflächen damit wie natürliche Kamine funktionieren, die uralten Kohlenstoff zurück in die Luft blasen. Dabei stieß man jedoch auf ein äußerst überraschendes Phänomen.

Ein beträchtlicher Teil des alten Kohlenstoffs verdampft nämlich nicht sofort. Ein erheblicher Anteil bleibt stabil im Wasser gelöst, ein weiterer Teil sinkt auf den Seegrund, wo er sich langfristig in tiefen Schichten dunklen Schlamms und Sediments begräbt.

Das Auftauen des Permafrosts löst also eher eine komplexe Umverteilung von uraltem Kohlenstoff zwischen Luft, Wasser und Ablagerungen aus, als dass es zu einer einfachen und vollständigen Umwandlung in Treibhausgase käme. Das Ökosystem arktischer Seen birgt nicht nur eine massive Emissionsquelle, sondern fungiert auch als vorübergehendes biologisches Lager. Wie lange das Material dort gebunden bleibt, hängt vor allem von der weiteren Temperaturentwicklung, dem Sauerstoffgehalt und den künftigen Veränderungen der nordischen Landschaft ab.

Warum diese Erkenntnisse für Klimamodelle entscheidend sind

Gängige globale Klimasimulationen haben sich lange Zeit vorrangig auf Wälder, Ozeane und ausgedehnte Landwirtschaftsflächen konzentriert. Thermokarst-Seen wurden entweder nicht ausreichend beachtet oder fehlten in den Gesamtberechnungen vollständig. Die neuen Entdeckungen belegen jedoch klar, dass diese nordischen Gewässer im globalen Kohlenstoffkreislauf eine eigenständige und äußerst komplexe Rolle spielen.

Die aktuelle Studie enthüllt eine Reihe wesentlicher Erkenntnisse:

  • Neue Seen und Standorte mit Ufererosion sehen sich gigantischen Kohlenstoff-Schüben gegenüber.
  • Das Verhältnis zwischen festem und gelöstem Kohlenstoff variiert von See zu See dramatisch.
  • Die Quelle des biologischen Materials unterscheidet sich stark je nachdem, um welche Form von Kohlenstoff es sich handelt.
  • Enorme Mengen uralten Kohlenstoffs werden überhaupt nicht zu Methan oder CO₂, sondern verbleiben dauerhaft im Seegrund gespeichert.

Für Ersteller komplexer mathematischer Modelle bedeutet das einen klaren Auftrag: Sie müssen eine enorme Variabilität in ihre Berechnungen einbeziehen. Es gibt schlichtweg keinen einheitlichen arktischen See, auf den sich einfache Regeln anwenden ließen. Entscheidend ist auch der Zeitfaktor, denn ein frisch überflutetes Gebiet reagiert grundlegend anders als ein Gewässer, das seit Jahrhunderten stabil existiert und erst in jüngster Zeit gestört wurde.

Woraus besteht arktischer Permafrost genau?

Häufig stellen wir uns Permafrost fälschlicherweise als eine zusammenhängende Eisschicht an der Geländeoberfläche vor. In Wirklichkeit handelt es sich um den Boden selbst, der dauerhaft tief gefroren bleibt. Seine Zusammensetzung ist äußerst vielfältig und umfasst:

  • Zerkleinertes Gestein und verschiedene mineralische Bestandteile.
  • Verborgene Eislinsen und massive Eiskerne.
  • In der Zeit eingefrorene Torfschichten.
  • Reste uralter Vegetation, verschlungene Wurzeln und gelegentlich prähistorische Tierüberreste.

An unzähligen Standorten erreichen diese Eismassen eine Stärke von mehreren Dutzend Metern. Wenn sie allmählich auftauen, verlieren sie drastisch an Volumen und die gesamte Landschaft sackt sichtbar ein. Als Folge reißen Gebäude unerwartet auf, wertvolle Infrastruktur bricht zusammen, Bäume neigen sich in alle Richtungen und in flachen Senken entstehen bislang unbekannte Seen.

Die Bedrohung durch einen sich beschleunigenden Teufelskreis

Was Experten am meisten beunruhigt, ist die sogenannte positive Rückkopplung. Steigende Temperaturen beschleunigen das Tauen, das wiederum in atemberaubendem Tempo Methan und CO₂ freisetzt, was die weitere unerwünschte Erwärmung des Planeten logischerweise antreibt. Thermokarst-Seen stellen in diesem verhängnisvollen Kreislauf ein absolut kritisches Element dar.

Die neue Erkenntnis, dass ein Teil des heimtückischen Kohlenstoffs zumindest vorübergehend sicher in Seesedimenten verweilen kann, dämpft diese Bedrohung glücklicherweise etwas. Sie verlangsamt das Gesamttempo, mit dem das gesamte uralte biologische Material auf einmal in die Erdatmosphäre gelangt. Die gesamten in Eis verborgenen Naturvorräte sind jedoch so gewaltig, dass selbst ein teilweises und langsames Entweichen sehr bald spürbare globale Auswirkungen auf den gesamten Planeten haben kann.

Folgen, mit denen wir in den kommenden Jahrzehnten konfrontiert werden

Auf den ersten Blick mag die sibirische Tundra zu weit entfernt erscheinen, als dass ihr Auftauen uns ernsthaft beschäftigen müsste. Dennoch beeinflussen die Umweltprozesse, die dort gerade ablaufen, intensiv Phänomene, die auch wir in Europa unmittelbar spüren. Sie wirken sich nämlich negativ auf den Anstieg der Weltmeere aus und lösen direkt die extremen Wetterkapriolen aus, an die wir uns zwangsläufig gewöhnen müssen.

Ein schnelleres und massiveres Entweichen arktischer Treibhausgase kann das Abschmelzen der Polareiskappen und die unumkehrbare Erwärmung riesiger Ozeanmassen erheblich vorantreiben. Das schlägt sich dann kettenartig in unerwarteten Zugbahnen verheerender Stürme, länger anhaltenden Hitzewellen und völlig unberechenbaren Niederschlägen nieder. Aufgrund dieser starken natürlichen Emissionen schrumpft das globale Kohlenstoffbudget rasant, was die ernsthafte Einhaltung der in dem Pariser Abkommen verankerten internationalen Klimaziele erheblich erschwert.

Für die wissenschaftliche Gemeinschaft stellt das tauende Sibirien ein faszinierendes und weitläufiges Naturlabor dar. Durch detailliertes und langfristiges Monitoring lokaler Veränderungen ermitteln Experten präzise, wie empfindlich alter Kohlenstoff auf jeden Temperaturanstieg reagiert. Dieses überaus wertvolle Wissen ermöglicht es anschließend, weit besser zu berechnen, wie viel realer Spielraum der Menschheit für Emissionen aus Industrie, Verkehr und intensiver Landwirtschaft noch verbleibt.

Die jüngste Forschung bringt damit eine klare und unmissverständliche Botschaft: Jede politische wie persönliche Maßnahme, die die globale Erwärmung heute wirksam bremst, reduziert direkt und sofort das Tempo, mit dem diese schlafenden Kohlenstoffvorräte in der Arktis endgültig erwachen.

Author

  • Thomas Eder ist ein österreichischer Blogger, der über praktische Lifehacks, interessante Fakten und aktuelle Alltagsthemen schreibt. Seine Inhalte machen komplexe Themen leicht verständlich und unterhaltsam.

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