Ein erschütterndes Zeugnis vor maltesischem Gericht
Der Softwareingenieur Matthew Caruana Galizia trat vor einem maltesischen Gericht mit einem außergewöhnlich bewegenden Zeugnis auf. Als Sohn der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia schilderte er detailliert, wie seine Mutter noch am Tag ihres Todes im Oktober 2017 interne Kommunikation des Unternehmens Electrogas sorgfältig analysierte – bevor eine im Auto versteckte Bombe ihrem Leben ein jähes Ende bereitete.
Wegen der Beauftragung und Finanzierung dieser brutalen Tat ist derzeit der einflussreiche maltesische Unternehmer Yorgen Fenech angeklagt. Der Erbe einer der wohlhabendsten Familien des Landes und einstige Miteigentümer des betreffenden Energieunternehmens weist jedoch jede Beteiligung an dem Mord sowie sämtliche Vorwürfe entschieden von sich.
Ein Datenbankprojekt als gemeinsame Arbeit
Das Projekt Electrogas erhielt nach den Parlamentswahlen 2013 einen außerordentlich lukrativen staatlichen Auftrag zur Modernisierung des maltesischen Stromnetzes. Das Geschäft rückte schnell ins Visier investigativer Journalisten – vor allem wegen verdächtiger Verbindungen zu höchsten politischen Kreisen und einflussreichen Privatinvestoren.
Dank seiner technischen Ausbildung konnte Matthew seiner Mutter bei der Bewältigung der enormen Datenmenge erheblich helfen. Er entwickelte eine spezialisierte Suchdatenbank, in der er Tausende von Unternehmens-E-Mails strukturierte. Dieses ausgeklügelte System ermöglichte es, gezielt bestimmten Namen, Schlüsselgesprächen und verdeckten Beziehungen quer durch die gesamte Firmenkorrespondenz zu folgen.
Während der Gerichtsanhörung betonte der Sohn der Ermordeten, dass Fenechs Name in den E-Mails immer wieder auftauchte. Als er jedoch eigene Schlussfolgerungen zur Bedeutung dieser Nachrichten vortragen wollte, griff die Verteidigung umgehend ein. Der vorsitzende Richter wies den Zeugen daraufhin darauf hin, dass persönliche Interpretationen nicht als unwiderlegbare Tatsachen gelten können, sofern sie nicht durch konkrete Urkunden im Gerichtssaal belegt werden.
Pläne für weitreichende internationale Enthüllungen
Der weitere Verlauf der Befragungen musste sich daher strikt auf Sachverhalte beschränken, die sich durch physische Dokumente zuverlässig belegen ließen. Die Jury konnte ausschließlich jene Materialien bewerten, die ihr unmittelbar zur Einsicht vorlagen.
Die erfahrene Reporterin hatte vor ihrem Tod die Absicht, ein starkes internationales Team von Investigativjournalisten zusammenzustellen, das den gigantischen Datenleak von Electrogas umfassend aufarbeiten sollte. Obwohl ihr Sohn bereits erste Kontakte zu ausländischen Partnern geknüpft hatte, kam die offizielle Zusammenarbeit vor dem verhängnisvollen Tag leider nicht mehr richtig in Gang.
Das gesamte Konzept basierte auf dem bewährten Modell der Panama Papers, bei dem Redaktionen aus aller Welt gemeinsam komplexe Finanzmachenschaften analysierten. Matthew hatte an dieser historischen Enthüllung zuvor selbst mitgewirkt, indem er Rohdaten in eine für Journalisten leicht verständliche Form aufbereitete.
Bei dieser Arbeit zur Aufdeckung von Offshore-Gesellschaften stieß er auf Dokumente mit direktem Bezug zu Malta, die er umgehend an seine Mutter weiterleitete. Dieser entscheidende Moment markierte den Beginn ihrer intensiven beruflichen Zusammenarbeit.
Verborgene Firmen und politische Verflechtungen
Die Recherchen der Journalistin richteten sich zunehmend auf verdeckte Unternehmen, die mit dem damaligen Energieminister Konrad Mizzi und Keith Schembri in Verbindung standen – einem hochrangigen Regierungsbeamten und Kabinettschef des damaligen Premierministers Joseph Muscat. Gerade während Muscats Regierungszeit wurde das Energieprojekt Electrogas zu einer der meistdiskutierten und kostspieligsten staatlichen Initiativen.
Aus dem Zeugnis ging ferner hervor, dass eine spezialisierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dabei half, Bankkonten für Gesellschaften zu eröffnen, die mit beiden genannten Politikern verknüpft waren. Diese brisanten Informationen waren Teil einer umfassenderen Kartografierung von Offshore-Strukturen, politischem Lobbying und zweifelhafter Vergabe riesiger Staatsaufträge.
Alle Hauptbeteiligten – darunter Fenech, Mizzi und Schembri – bestreiten jegliche Korruptionsvorwürfe seit Langem und mit Nachdruck.
Die Suche nach Wahrheit ging trotz der Tragödie weiter
Die Momente nach der Explosion veränderten die Familiengeschichte für immer. Nachdem Matthew eine gewaltige Detonation hörte, stürzte er aus dem Familienhaus und beobachtete entsetzt den aufsteigenden Rauch an einer nahe gelegenen Straße. Dort fand er das Fahrzeug seiner Mutter vollständig in Flammen.
Dieses brutale Ereignis warf sein bisheriges Leben von Grund auf um. Er gab schon bald eine vielversprechende Karriere im Ausland auf, kehrte in seine Heimat zurück und widmete all seine Energie dem entschlossenen Bestreben, die wahren Schuldigen vor Gericht zu bringen.
Vor dem Tribunal räumte er offen ein, dass diese schwere Entscheidung einen enormen persönlichen Preis forderte. Seine Worte verdeutlichten eindrucksvoll, wie tief und nachhaltig die Tragödie seine gesamte Familie und seinen beruflichen Werdegang erschüttert hatte.
Der entschlossene Sohn engagierte sich daraufhin vollständig im Daphne Project. Dieses einzigartige grenzüberschreitende Netzwerk wurde mit einem klaren Ziel gegründet: die investigative Arbeit, die seine Mutter unfreiwillig aufgeben musste, unermüdlich fortzusetzen. Die Plattform verband Reporterinnen und Reporter führender Medienorganisationen weltweit und gewährleistete einen maximal sicheren Austausch wertvoller Dokumente, Erkenntnisse und analytischer Ressourcen.
Die gemeinsamen Bemühungen konzentrierten sich nicht nur auf die Ungereimtheiten rund um Electrogas selbst, sondern auch auf weitere drängende Themen, denen die ermordete Journalistin in früheren Jahren nachgegangen war. Die veröffentlichten Ergebnisse dieses Projekts verstärkten schließlich den öffentlichen Druck auf eine gründliche Untersuchung des umstrittenen Kraftwerks und der damit verbundenen Finanzpraktiken erheblich.
Dank dieser gewaltigen journalistischen Solidarität versank die unvollendete Arbeit nicht in der Asche. Reporter aus mehreren Ländern übernahmen stattdessen entschlossen den Staffelstab, werteten enorme Datenmengen aus und brachten eine Reihe neuer, wegweisender Enthüllungen mit direktem Bezug zum gesamten Fall ans Licht.
Unterdessen sieht sich Yorgen Fenech, der weiterhin auf seiner vollständigen Unschuld beharrt, einem langwierigen Gerichtsverfahren wegen seiner mutmaßlichen Rolle in diesem besonders dunklen Kapitel der modernen maltesischen Geschichte ausgesetzt.










