Ein radikaler Neustart in der Spionageabwehr
Um der russischen Bedrohung wirkungsvoller begegnen zu können, hat Schweden beschlossen, einen völlig neuen Auslandsgeheimdienst aufzubauen – und orientiert sich dabei maßgeblich am bewährten estnischen Modell.
Die russischen Militäraktivitäten beunruhigen längst nicht nur die Ukraine. Sie zwingen ganz Europa dazu, die eigene Sicherheitsarchitektur grundlegend zu überdenken. Die nordischen Staaten treiben ihre Verteidigungsplanungen derzeit mit großer Dringlichkeit voran, um auf moderne Bedrohungslagen schnell reagieren zu können.
Schweden hat unlängst einen ambitionierten Plan vorgestellt, der dem Land einen taktischen Vorteil gegenüber feindlichen Manövern Moskaus verschaffen soll. Doch die geplanten Veränderungen haben sofort scharfe Warnungen aus Sicherheitskreisen ausgelöst.
Die Entstehung einer umstrittenen Behörde
Die schwedische Regierung hat offiziell die Gründung eines eigenständigen zivilen Auslandsnachrichtendienstes beschlossen, der unter dem Kürzel UND firmieren wird. Die neue Behörde wird dem Außenministerium unterstellt sein und eine Reihe bislang militärisch verwalteter Aufgaben übernehmen. Bisher lagen diese hochsensiblen Operationen ausschließlich in den Händen des Militärgeheimdienstes MUST.
Der Entschluss zur Umstrukturierung basiert auf einem umfassenden Regierungsaudit aus dem Jahr 2025, das unter der Aufsicht des früheren Ministerpräsidenten Carl Bildt durchgeführt wurde. Der daraus hervorgegangene Bericht bezeichnete die jahrelange Fehleinschätzung russischer Absichten als vollständiges „systemisches Versagen“ – ein vernichtendes Urteil, das die politische Elite aufgerüttelt hat.
Außenministerin Maria Malmer Stenergard verteidigt den Kurswechsel mit dem Verweis auf erfolgreiche Verbündete. Als leuchtendes Vorbild nannte sie Estland, das nach der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit ein nahezu identisches Modell gewählt hat. Die sich verschlechternde geopolitische Lage mache eine sofortige und deutliche Stärkung der Gesamtkapazitäten unumgänglich.
Militärführung schlägt Alarm
Innerhalb der Streitkräfte stößt dieser Schritt auf erheblichen Widerstand. Dem neuen Gesetz zufolge muss der bisherige Militärgeheimdienst MUST alle Aktivitäten zur verdeckten Gewinnung menschlicher Quellen an die neue zivile Behörde abgeben.
Hochrangige Verteidigungsvertreter warnen eindringlich davor, dass der Verlust dieser Schlüsselinstrumente die nationale Sicherheit ernsthaft gefährden könnte. Der Chef des Militärgeheimdienstes, Thomas Nilsson, machte bereits früh deutlich, dass der Verteidigungsapparat in der angespannten aktuellen Lage keinerlei Informationslücken oder Zuständigkeitschaos tolerieren kann.
Weitere kritische Stimmen weisen auf das erhebliche Risiko gefährlicher blinder Flecken während des komplexen Kompetenztransfers hin. Es besteht die sehr reale Befürchtung, dass Russland die vorübergehende institutionelle Unklarheit gezielt zu seinem Vorteil ausnutzen könnte.
Dazu kommt eine finanzielle Problematik: Oberkommandierender Michael Claesson warnte, dass die Betriebskosten der neuen zivilen Behörde höchstwahrscheinlich nicht auf die strengen NATO-Verteidigungsquoten angerechnet werden. Das würde den ohnehin angespannten Militärhaushalt zusätzlich belasten.
Politischer Gegenwind nimmt zu
Auch auf der innenpolitischen Bühne ist die neue Behörde alles andere als unumstritten. Oppositionsvertreter äußern offen ihre Bedenken gegenüber dem Tempo, mit dem die Umstrukturierung durch das schwedische Parlament getrieben wird.
Mitglieder der Linkspartei und der Grünen fordern deutlich schärfere Regeln für die Weitergabe sensibler Daten an ausländische Partner. Der außenpolitische Sprecher der Opposition, Håkan Svenneling, warnt, dass ein so überstürzter Prozess am Ende mehr Sicherheitsrisiken erzeugen als lösen könnte.
Der offizielle Startschuss für den neuen Dienst ist für den 1. Januar 2027 geplant. Die geschätzten Aufbaukosten belaufen sich auf beachtliche 2,8 Milliarden schwedische Kronen. Trotz aller Kritik stößt das Projekt auf enormes öffentliches Interesse: Für die ersten 19 Geheimdienstposten haben sich bereits über tausend hochmotivierte Bewerberinnen und Bewerber gemeldet.










