Ein unterschätztes Risiko auf sommerlichen Straßen
Für die meisten Autofahrer ist der saisonale Reifenwechsel schlicht lästige Pflicht – etwas, das man möglichst schnell hinter sich bringen möchte. Dabei wird selten bewusst wahrgenommen, welch entscheidende Rolle die richtige Bereifung in kritischen Momenten spielt: beim Notbremsen, beim Durchfahren enger Kurven oder beim plötzlichen Ausweichen vor einem Hindernis.
Auf dem täglichen Arbeitsweg fällt der Unterschied kaum auf. Die Straße wirkt vollkommen trocken und sicher – obwohl die tatsächlichen Sicherheitsreserven bereits gefährlich gering sein können.
Die eigentliche Bewährungsprobe für Haftung und Reifenqualität kommt erst in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem im Straßenverkehr etwas völlig Unerwartetes passiert.
Dramatisch erhöhtes Unfallrisiko
Eine umfangreiche aktuelle Studie schwedischer Verkehrs- und Sicherheitsinstitute hat einen beunruhigenden Trend aufgedeckt. Winterreifen, die in den Sommermonaten gefahren werden, erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls erheblich. Experten führen dies vor allem auf die deutlich schlechtere Haftung der Winterreifenmischung auf aufgeheiztem Asphalt zurück.
Das Forschungsteam analysierte detailliert 725 tödliche Pkw-Unfälle, die sich zwischen Mai und September in den Jahren 2012 bis 2021 ereigneten. Die ausgewerteten Daten enthüllten ein gravierendes Missverhältnis.
Obwohl schätzungsweise nur etwa sieben Prozent aller Fahrzeuge im Sommer noch auf Winterreifen unterwegs sind, hatten bei den tödlich verunglückten Fahrzeugen ganze 22 Prozent mindestens einen Winterreifen montiert.
Die Physik lässt sich nicht überlisten. Unabhängige Tests belegen immer wieder: Der Bremsweg auf trockenem wie nassem Untergrund kann mit Winterreifen um 20 bis 40 Prozent länger ausfallen. Die Studienergebnisse korrelieren damit eindeutig mit einem deutlich erhöhten Todesrisiko in Situationen, in denen Traktion und rechtzeitiges Bremsen entscheidend sind.
Versteckte Gefahren auch in modernen Fahrzeugen
Die Forscher berücksichtigten bei ihrer Analyse auch mögliche Störfaktoren, die die Statistiken verfälschen könnten. So wurde etwa einkalkuliert, dass Fahrzeuge mit Winterreifen tendenziell älter sind und häufig kein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) besitzen.
Überraschend war jedoch, dass das erhöhte Risiko auch nach vollständiger Herausrechnung dieser Einflussfaktoren bestehen blieb.
Selbst in vollständig modernen Fahrzeugen, die von nüchternen Fahrern innerhalb der Geschwindigkeitsgrenzen bewegt wurden, war das Risiko eines tödlichen Unfalls um mindestens 40 Prozent höher, wenn keine geeigneten Sommerreifen montiert waren.
Den erhobenen Daten zufolge ist das Fahren auf Winterreifen im Hochsommer ähnlich gefährlich wie das Führen eines Fahrzeugs ohne jegliches Stabilitätssystem.
Die Analysten kamen darüber hinaus zu dem Schluss, dass bei etwa einem Viertel der tödlichen Sommerunfälle eine bessere Straßenhaftung den fatalen Ausgang möglicherweise hätte verhindern können. Sie fordern daher nachdrücklich, bei künftigen Unfalluntersuchungen den Reifeneigenschaften und dem Reifentyp deutlich mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
Diese Erkenntnisse gelten keineswegs nur für nordische Länder. Experten betonen, dass die allgemeine Verkehrssicherheit weltweit erheblich verbessert werden könnte, wenn alle Fahrerinnen und Fahrer nach dem Ende der Frostperiode rechtzeitig auf optimale Sommerreifen wechseln würden.










